"NLP UND HYPNOTHERAPIE"

Interview mit Robert Dilts, März 1993, geführt von Wolfgang Lenk

publiziert im MEGaPHON Oktober 1993

 

Vorbemerkung:

Robert Dilts gehörte zu Arbeitsgruppe um Bandler und Grinder, als das NLP ent-wickelt wurde. Inzwischen hat er selbst sehr viele Beiträge zur Weiterentwicklung des NLP geliefert (u.a. das Konzept der Neurologischen Ebenen) und vertritt die Auffassung, daß es gegenwärtig vier Anwendungsbereiche des NLP gibt: a) Lernen und die Organisation von Lernprozessen; b) Kreativitätsförderung und Strategien dafür; c) Gesundheitprophylaxe und Psychotherapie; d) Kommunikation und Interaktionen in Gruppen. Wolfgang Lenk organisiert jedes Jahr Seminare mit ihm. Das folgende Interview wurde aufgezeichnet während des NLP Leadership Seminars in Berlin im März 1993.

 

Wolfgang Lenk:

Hi Robert, ich würde Dich gern für das MEGaPhon über Deine Sichtweise zur Beziehung zwischen NLP und Erickson'scher Hypnotherapie interviewen. Lange Zeit gab es wechselseitig Mißachtung, Ausgrenzung und oft auch Abwertungen zwischen dem NLP und der Hypnotherapie. In den 90er Jahren sind beide Gebiete große Bewegungen geworden, und es scheint sich auf vielen Ebenen das Verhältnis zwischen ihnen zu verändern. So bist Du beispielsweise von Jeff Zeig auf die Konferenz nach Orlando im Dezember 1993 eingeladen worden.

Robert Dilts:

Ja, es war vielleicht mehr ein Phantom zwischen den Bewegungen, und nicht ein wirklich tiefgreifendes Thema. Natürlich gibt es wichtige Unterschiede in der Art zu arbeiten. Aber die Tatsache, daß ich zu der Brief-Therapie-Conference von der Erickson-Foundation als Referent eingeladen worden bin, zeigt wohl eine neue Art des Umgangs mit diesen Unterschieden an.

WL: Siehst Du trotz der Unterschiede auch Gemeinsamkeiten zwischen beiden?

RD: Ich bin überzeugt, daß es eine tiefere Verbindung zwischen NLP und Hypnotherapie gibt, oder eine Art gemeinsamer Metastruktur, nämlich den Prozess, wie man in einem vorhandenen Kontext eine psychosoziale Struktur erschafft oder bildet, durch die eine Person oder ein Klient in die Lage versetzt wird, seine eigenen Resourcen aufzuspüren und damit seine eigenen Probleme zu lösen. Der wohl wichtigste Unterschied zwischen klassischer Hypnose und Erickson'schem Verständnis von Hypnose ist die absolute Abwesenheit irgendeiner Art von Kommandieren oder Befehlen, so als wäre der Therapeut die Ursache oder der Trigger für die Veränderung des Klienten.

Erickson's Ansatz der Hypnotherapie führt stattdessen zu so einer Art "State" des Klienten, in dem er seinen eigenen Lösungsraum für Veränderung finden kann. Ich denke, die Entwicklungen des NLP gehen genau in dieselbe Richtung. Eigentlich war NLP vom Anfang her so konzipiert. Zwar gab es eine Zeit, in der NLP mehr auf Technik und auf Ursache-Wirkung-Mechanismen ausgerichtet war, aber das gegenwärtige systemische NLP ist darauf ausgerichtet, einem Menschen bei der Herstellung eines psychophysischen oder psychosozialen Raumes zu helfen, damit er seine eigenen Lösungen finden kann.

WL: Ein Schlüsselkonzept im NLP ist das des "state". Siehst Du einen dazu ähnlichen Ansatz in der Hypnotherapie?

RD: Ja, ich denke, ein weiteres Charakteristikum von NLP und Hypnotherapie im Gegensatz zu anderen psychotherapeutischen Schulen oder Wachstumskonzepten ist, daß beide sehr stark mit der Geist-Körper Verbindung umgehen, sodaß sie "Mind and Body" als holographische Resource des Gesamtsystems nutzen. Für mich ist auch wichtig, daß beide Richtungen einem Menschen in einen state verhelfen, in dem sozusagen tieferes, im Gesamtsystem verborgenens Wissen z.B. für Heilung aktiviert oder freigesetzt werden kann.

Beide Richtungen beginnen also mit der Vorannahme, daß die Resourcen, die jemand braucht, längst in ihm vorhanden sind. Der therapeutische Prozess dient eigentlich nur dazu, die natürlichen Heilungs- und Lösungsfähigkeiten freizusetzen: die Heilungspotentiale im Körper, im Nervensystem, eigentlich in allen Dimensionen des menschlichen Daseins.

Diese Vorannahme markiert die Entwicklung zu einer neuen Epistemologie in der Geschichte der Psychotherapie. Und beide Bewegung scheinen sich in mehr systemische und generative Richtungen zu entwickeln statt irgendwie bei mechanischen Ursache-Wirkungs Konstruktionen oder Reperatur-Konzepten stehen zu bleiben. Und ich glaube, es ist unzweifelhat, daß Erickson diese Richtung sozusagen gestartet hat.

Wenn man beginnt, mehr in Richtung Heilung der "ganzen Person" zu denken, der Klient gewissermaßen soetwas wie ein Hologramm ist, dann denkt man weniger über ein spezielles Ereignis in der Biographie oder ein isoliertes Verhaltensmuster. Ein spezielles Verhalten enthält dann eher selbst wie ein Hologramm die Lebensgschichte der Person.

WL: Hast Du eine spezielle Sichtweise zu dem, was Erickson tat, was in seiner Art der therapeutischen Arbeit zentral ist?

RD: Ich denke, ein wesentliches Charakteristikum von Erickson's Arbeit ist die Verwendung von Metaphern. Die übliche Intepretationsweise von Erickson's story telling ist, daß er damit versuchte, das Bewußtsein des Klienten abzulenken. Insgeheim stellte er eine 1:1 Beziehung her zwischen den Ereignissen in der Geschichte und den Ereignissen in der Biopgraphie des Klienten, sodaß die Botschaft der Geschichte irgendwie das Bewußtsein umgehen konnte, das Unbewußte erreichte und dort wirkte. Natürlich, auch das ist ein Aspekt bei der Sache, aber ich denke, so wird ein weit wichtigerer Aspekt übersehen, nämlich die Tatsache, daß es eine Geschichte war, die Erickson erzählte. Eine Geschichte hat soetwas wie eine immanenten Qualität von Ganzheit, hat einen Verlauf in Zyklen, hat eine organische Entwicklung, Zuspitzung, Lösungen, die eine tiefere Struktur des menschlichen Daseins reflektieren, so wie beispielsweise die Mythen.

In vergangenen Jahren ist nicht zufällig die Arbeit von Jospeh Cambell bekannter geworden und mehr ins Interesse vieler Menschen gerückt. Denn das Geschichtenerzählen ist so wichtig für die Art und Weise, wie Menschen Ereignissen in ihrem Leben, in ihrer Welt eine Bedeutung geben. Etwa die Bedeutung von Symptomen zu verstehen oder dem eigenen Leben insgesamt einen Sinn zu geben. Und ich glaube, daß Erickson nicht einfach nur Geschichten erzählt hat, um ein Symptom zu kurieren, sondern Geschichten genutzt hat, um neue Bedeutungen aufzudecken oder herzustellen.

WL: Das bedeutete doch, daß der berühmte Unterschied, der einen Unterschied macht, nur kognitiv verarbeitet werden kann, wenn es eine Landkarte gibt zu seiner Interpretation gibt, oder einen Verständnisrahmen gibt für eine Bedeutungszuschreibung.

RD: Ja, und zu diesem Thema hat George Lakoff in dem Buch "Metaphors We Live By" ausgeführt, daß die meisten Menschen denken, Metaphern seien nichts weiter als eine Analogie. Und das scheint so eine der typischen Verständnisweisen von Erickson's stories zu sein. Die Geschichte hat gewissermaßen nur verborgen, was er wirklich transportieren wollte. Oder sie war eine Methode, einfach etwas zu illustrieren. Was Lakoff versuchte deutlich zu machen ist, daß es eigentlich gerade umgekehrt ist. Unsere Realitätswahrnehmung und Bedeutungszuschreibung ist geformt durch die Struktur tieferer Metaphern, die unser Leben begleiten und leiten. So beziehen sich Metaphern auf die tieferen Strukturen unseres Daseins.

Selbst Wissenschaft und wissenschaftliche Disziplinen haben als Ausgangspunkt metaphorische Annahmen. In diesem Sinn sind Metaphern sozusagen die tiefere Sprach-, Denk- oder Bedeutungsebene. Ich denke, dieser Punkt wird manchmal übersehen in der Rezeption oder Ausbildung Erickonscher Metaphernarbeit. Meine persönliche Erfahrung war es nicht, daß Erickson in seinen Seminaren mit stories sozusagen am Bewußtsein vorbei getrickts hat, er war mehr eine Art Geschichtenerzähler wie etwa Sophokles.

WL: Erickson hat ja oft in seiner genialen Art mit seinen Interventionen mehrere Ziele gleichzeitig und sehr kompakt verfolgt. Was glaubst Du, was noch ein seinem story telling drinsteckt?

RD: Erickson hat natürlich auch Freud gelesen und kannte Freud's Ansichten über Metaphern. In Freud's Sichtweise reflektieren Metaphern ein auf sehr tiefer Ebende stattfindenes Spiel psychischer Kräfte. Aber heutzutage denken wir weniger in den Modellen psychischer Kräfte, sondern in den Konzepten von Systemen und System-Theorien, die auf eine selbstorganisierende Struktur abzielen. Und in diesem Sinne hatten Erickson's Metaphern die Qualität einer Art selbstorganisierenden Struktur.

Ich denke, es gibt auch noch andere Gründe, warum Erickson gern Geschichten erzählt hat. Beispielsweise um sich selbst in einen Zustand zu bringen, den er für seine erfolgreiche therapeutische Arbeit brauchte. Ein Beispiel dafür haben wir (Robert Dilts und Robert McDonald) in unserm Seminar "Tools of the Spirit". Wir möchten, daß Seminarteilnehmer Geschichten erzählen, nicht in der Absicht, etwas in diesem Medium zu kommunizieren, sondern um sich selbst in einen Zustand von "alignment" (Art innerer Kongruenz) oder Integrität zu bringen, um wirklich offen zu sein für die Gegenwart des anderen. Geschichtenerzählen hat auch einen selbst-reflexiven Aspekt.

Für mich sind das alles Dimensionen von Ericksons Arbeit, und sie erscheinen mir wichtiger als die Elemente in der Oberflächen-Struktur. Bandler und Grinder haben versucht, die Strukturen in Erickson's Arbeit zu analysieren, rauszuarbeiten und haben Techniken daraus gemacht. Sicher, damit sind gewisse Strukturen sichtbar und lernbar geworden, aber - wie in einer Art double bind - andere Sichtweisen sind damit ausgeblendet worden. Es gibt ja auch die Strukturen, die mit der Natur einer Geschichte selbst zusammenhängen.

WL: Viele Therapeuten denken heute immer noch, daß NLP rein technik-orientiert ist. Wie schätzt Du Deine eigene NLP-Arbeit unter dem Gesichtspunkt von Stories und Metaphern ein?

RD: In meiner eigenen NLP-Arbeit und -Forschung war und ist mir wichtig, einen Menschen als ein ganzheitliches System wahrzunehmen, und weniger als ein Sammelsurium von Mechanismen anzusehen, die man wie in einem Auto repariert. Gregory Bateson war einer der wichtigen Wissenschaftler, der mich sehr beeinflußt hat. Bateson sagte damals, daß Erickson's story telling der wichtigste Beitrag zur Entwicklung der Psychotherapie sei. Aber das hatte damals wohl keiner richtig verstanden. Ich erinnere noch gut: als Grinder und Bandler ihm "Patterns I" gezeigt hatte - und er hatte "Magic I" sehr geschätzt" - schaute er sie an und sagte "Ihr vergewaltigt die Epistemologie". Denn sie hatten in diesem Buch versucht, die Sprache der Metapher auf Elemente wie z.B. eingebette Kommandos usw usf zu reduzieren. Das "Meta-Modell" war noch ein Versuch gewesen, die Tiefen-Struktur aufzudecken. Und "Patterns I" ging mehr auf die Oberflächen-Struktur und hat die zerlegt.

Also, mit diesen starken Einfluß durch Gregory .. für ihn waren Metaphern so etwas wie ein spiritueller Prozess. In einem tiefen Sinn ist wohl alles auf dieser Welt eine Metapher für alles andere. Nicht, daß alles eine Analogie sein könnte für alles andere, wohl aber eine Metapher, denn ein System ist etwas Ganzheitliches. Ich denke, meine eigene Arbeit ist mehr in die Richtung gegangen, über die Geschichte/story hinter dem Symptomen eines Klienten etwas herauszufinden. So bin ich immer wieder überrascht beim Re-Imprinting. Als Prozess ist es sehr viel komplexerer als z.B. das Swish-Muster. Und trotzdem können es NLPler sofort anwenden. Ich glaube, weil es beim Reimprinting darum geht, die Geschichte hinter einem Symptom aufzudecken, zu entschlüsseln und zu verstehen; und dann die Resourcen zu finden, die die beteiligten Personen in dem Drama brauchen, um neue Lösungen im System möglich zu machen. Es scheint, daß Menschen viel leichter mit größerer Komplexität umgehen können und viel sorgfältiger die Ökologie beachten können, wenn das alles mit der Struktur einer Geschichte zutun hat.

WL: Wenn also Erfahrungen oder Erlebnisse wie Symptome für jemanden deshalb verständlich oder nachvollziebar werden, weil sie eingebettet sind in die

Struktur einer Geschichte. Nun ist im NLP der Aspekt des "Neuro" so wichtig, das pragmatische Konzept des Nervensystems, im Jargon: "die Neurologie". Siehst Du da Zusammenhänge zwischen Geschichten und der Neurologie?

RD: Ja, ich denke, daß stories so etwas wie eine ganz, ganz tiefe Struktur sind oder widerspiegeln. Selbst unbewußte Aktivitäten wie z.B. das Träumen entwickeln, entfalten sich oft in Form einer Geschichte. Das ist eine statement darüber, wie das Nervensysten konstruiert ist bzw. funktioniert.

Die Kommunikation durch Geschichten, ihre Botschaften beziehen sich mehr auf die Weisheit eines Menschen, die seiner Neurologie inhärent ist. Geschichten transportieren eine ungeheure Komplexität in einer Weise, die Menschen leicht erinnern können, um davon zu lernen, andere Sicht- und Erahrungsweisen abzuleiten, sehr viel mehr als das nur mit kognitiven Instruktionen oder Erfahrungen von Phänomenen wie Armlevitation möglich ist. Und ich glaube, ganz allgmein entwickeln wir auch unsere Menschlichkeit durch Mythen, Metaphern und Geschichten.

Ich sehe das auch an meinem Sohn ... meine Kinder sind jetzt 2 und 4 Jahre alt. Sie erinnern sich immer an Geschichten als Ganzes, aber weniger an die einzelnen Ereignisse oder Aspekte oder gar Submodalitäten. Ich denke, je organischer diese Dinge in bezug auf das menschliche Nervensystem sind ... ich meine Ganzheiten, und Zyklen in der Entwicklung eines Systems. Ich denke, alles was organisch ist, ist Zyklen unterworfen, z.B. Jahren, Tage, Entwicklungzyklen. Vielleicht sind Zyklen so etwas wie eine strukturelle Basis für die innere Enwicklung von Geschichten. Auch das NLP-Konzept des SCORE-models sagt: nur der Zielzustand und der Gegenwartszustand sind sozusagen zuwenig für eine persönliche Geschichte des Klienten. Man muß meist herausfinden, was die Ursache für das Symptom ist, ebenso was der Effekt oder die Folge des Zielzustandes ist, welche Resourcen gebraucht werden und welche vorhanden sind. Das sind sozusagen die notwendigen Elemente, um die persönliche Geschichte des Klienten zu verstehen oder "zu schreiben".

WL: In dem NLP Health Certification Training, was u.a. auf Dich zurück geht und was wir hier in Berlin mit Dir als Trainer anbieten, liegt ja ein Schwerpunkt auf dem Verständnis von Symptomen als Botschaften in einem komplexen System. Oder Symptome als geronnene, verdichtet Geschichte in einem Entwicklungsabschnitt eines Menschen. Warum ist Dir das so wichtig?

RD: Ja, in diesem Ausbildungsprogramm steckt auch meine Überzeugung drin, daß manche Symptome wie beispielsweise schwere Krankheiten wieder in den Zusammenhang der Biographie, der Lebensgeshichte eingebettet werden müßten. Selbst bei simplen Problemen wie etwa einer Phobie ist es oft so, als würde das Symptom danach schreien, eine wichtige Story aus der Biographie erzählen zu wollen.

Ich erinnere mich, daß vor einigen Jahren meine Frau und ich zu einer Art Elternkurs gingen, um zu erfahren, wie man Babies zuhört, besonders weinenden Kleinkindern. Es ist klar, niemand würde versuchen, babies ihre Gefühle abzutrainieren, und doch: das erste was man meistens tut, wenn ein baby weint, ist es zu beruhigen, sodaß es sich besser fühlt. Man denkt, es hat sich vielleicht verletzt oder ist hungrig - und was die Lehrerin in diesen Kurs klarmachen wollte, war: selbst wenn man alles in dieser Richtung getan hat, und das baby immer noch weint, dann ist das Zuhören wichtig. Was Eltern dann oft nicht machen, ist zuzuhören! Die Lehrerin meinte, babies versuchen, ihren Eltern eine Geschichte zu erzählen, und sie haben einfach noch keine andere Methode, ihre Geschichte zu erzählen. Selbst wenn sie vielleicht erst sech Wochen alt sind, haben sie schon Geschichten zu erzählen.

Diese Sichtweise hat meine Art, meiner Tocher und auch anderen Menschen zuzuhören, total verändert. Wenn Erwachsene weinen oder etwas tun, was nicht erwachsenengemäß ist, dann ist das wohl ihre Art, jemandem eine wichtige Geschichte zu erzählen.

WL: Wenn man über Geschichen und story telling redet, kommt man sehr schnell auf Archetypen zu sprechen. Was glaubst Du, welche Rolle Archetypen in der Psychotherapie spielen können?

RD: Ich glaube nicht, daß Archetypen einfach nur eine Geschichte oder ein Inhalt sind, um etwas anderes anders interpretieren zu können. Archtypen transportieren eine Tiefenstruktur. Man muß deshalb gewissermaßen hinter den Inhalt des Archtyps schauen, sozusagen die Metapher des Archtyps finden. Einfach nur ein Etikett zuzuordnen wie etwa Zauberer, weiße oder dunkle Königin, geht schon zu sehr auf den Inhalt. Die Frage ist vielmehr: wofür ist der Archetyp eine Metapher, was sagt er über die Tiefenstruktur?

Ich glaube, daß das Konzept der Archtypen in einer interessanten Weise verbunden ist mit einigen Anwendungen der Chaos-Theorie in Beziehung zu Selbstorganisation-Konzepten. In der Chaos-Theorie geht man davon aus, das ein Muster chaotisch beginnt, dann beginnt ein sogenannter Attraktor eine Ordnung in das Muster hineinzubringen. Es gibt z.B. sozialpsychologische Experimente, wo man vielen Probanden leere Blätter Papier gibt. Einer beginn, irgendwo auf seinem Blatt einen Punkt zu machen, dann schaut der Nachbar kurz hin, und muß einen Punkt auf seinem Blatt auf derselben Stelle machen, zeigt es dann seinem Nachbarn und sofort. Und zunächst wandert der Punkt chaotisch umher, weil ja Menschen nicht ganz exakt abkupfern. Schließlich, wenn man mehr als 12 oder 14 Personen hat, dann wandert der Punkt langsam in eine Ecke des Blattes Papier. Und dann wird des Muster stabil, der Punkt bleibt in der Ecke bei diesem Procedere, egal wieviel Leute anschließend noch mitmachen. Die Ecke wird Attraktor genannt, sozusagen ein Referenzpunkt, den die menschliche Wahrnehmung braucht. Es ist für mich so etwas wie ein "wissenschaftlicher Archtyp", den die Wahrnehmung muß sich irgendwie strukturieren. Wenn man statt eines leeren Papieres eins mit einem großen X drauf hätte, hätte man damit automatisch einen anderen Attraktor vorgegeben, es würde ein anderes Muster von wandernden Punkten entstehen.

Das hat wohl etwas mit der Notwendigkeit des menschlichen Nervensystem zu tun, Referenzpunkte zur Organisierung der Wahrnehmung zu benötigen. Hier wären es Referenzpunkt auf der Ebene der Umwelt, Wahrnehmung der Umwelt.

WL: Auf welcher Ebene der neurologischen Ebenen im NLP wären dann klassische oder jung'sche Archetypen wichtig?

RD: Archetypen sind so etwas wie Referenzpunkte für die Identitäts-Ebene. Stories und Metaphern sind sozusagen die Sprache der Identität. Identität kann nicht so etwas sein wie die präzise sensorisch zu beschreibende Verhaltensebene. Identität ist eine Art Codierung einer ungeheuren Komplexität in wichtigen Schlüsselbeziehungen. Die Informationsmenge in der DNA, so komplex auch immer, ist sehr viel geringer als die Informationmenge im Körper eines erwachsenen Menschen. Vielleicht kann man die menschliche DNA als eine Metapher verstehen, die sich langsam entfaltet, wenn der "die Entwicklung des Körpers/Organismus erzählt wird". Für mich ist wichtig, daß kulturelle Archetypen etwas aussagen über die Referenzpunkte auf Identitätsebene. Wenn man beispielsweise eine Geschichte von Erickson nimmt, und in einer Aids-Selbsthilfegruppe nach der Methode der stillen Post erzählen ließe, werden wahrscheinlich gewisse Elemente der Geschichte von Mal zu Mal immer prägnanter werden, während dieselbe Geschichte in einer Gruppe von Drogenabhängigen ein anderes Profil bekäme. So konnte man gewissermaßen den "Attraktor" in der Geschichte finden, den "kulturellen" Archtyp herausarbeiten. Inzwischen gibt es ja darüber interessante sozialpsychologische Forschungsansätze.

Wenn man mit Archtypen arbeitet, dann will man natürlich Identität beeinflussen oder ändern und nicht nur Verhalten, etwa Angstgefühle oder so. Damit beziehen sich Archtypen also simultan auf viele Erfahrungsebenen.

WL: Nun hat ja Erickson nicht vordergründig mit Archetypen in klassischer Weise und schon gar nicht mit ihren Interpretationen gearbeitet. Wie siehst Du den Zusammehang zwischen Erickson's story telling und dem von Dir definierten Konzept von Archetypen?

RD: Klar, Erickson hat nicht Archtypen in klassischer Weise benutzt, etwa "Mutter Erde" oder so. Aber ich denke, statt irgendeine Erfahrung vor der Matrix dieser Archetypen zu interpretieren, tat er etws, was sehr viel powervoller war: er brachte die archetypischen Muster in den Erfahrungshorizont der Klienten! Bateson nannte das ja den größten Durchbruch in der Psychologie. Es gibt die bekannte Geschichte, wo Erickson einem jungen Mann in Trance eine Geschichte erzählt, die der nie erlebt hat. Er geht seinen Professor in dessen Haus besuchen, und als er die Zigarette ausmacht und dabei den Aschenbecher zerbricht, kommt gerade in dem Augenblick die Tochter des Professors ins Zimmer usw. Klar, jedes einzelne Element ist irgendwie trivial, aber vom Standpunkt der Archtypen betrachtet ist offensichtlich, daß Erickson mit der Geschichte als Ganzheit in wichtige psychosoziale und psychosexuelle Verhaltens-, Erfahrungsbereiche, in das Identitäts-Verständnis hineingeht. In Trance produzierte archetypische Träume! In anderen Worten, er strukturierte die alltäglichen Erfahrungen eines Menschen vor dem Hintergrund eines neuen Archetyps neu. Er nahm also die Tiefenstruktur des Archetyps, nicht seine Repräsentation an der Oberfläche, nicht seine Repräsentation in einer anderen oder früheren Kultur. In meinem Verständnis ging es ihm um die Frage, was der Archetyp auf der Prozess-Ebene repräsentiert. So sind die Archetypen in den Charakteren der Geschichte verkörpert, aber nicht direkt in den einzelnen Worten und Wortgruppen verbalisiert. Es ist der "spirit" der Archetypen, nicht der konkrete Inhalt.

WL: Ich würde gern die Sichtweise von Ericksonianern zu diesem Thema hören. Es gibt den Versuch unter den Ausbildern der MEG, sehr viel intensiver als bisher über die Ausbildunginhalte und -konzepte zu diskutieren. Vielleicht wäre das auch ein Diskussionspunkt für uns Ausbilder. Auf jeden Fall freue ich mich, daß Du zur Konferenz in Orlando gehst, so gibt es mehr Berührungspunkte und Synapsen zwischen den Bewegungen.

RD: Um es noch einmal zu wiederholen: natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Bewegungen in ihrer Art zu arbeiten, und das ist wohl selbstverständlich in einer Welt, die sich immer mehr ausdifferenziert. Aber wie Gregory Bateson sagte: "Weisheit wird dadurch entwickelt, daß man sich in wahrhaftiger Weise über die Unterschiede austauscht ohne den Druck oder die Absicht, sie zu verändern." Vielleicht könnten Ericksonianer und NLPler sich in dieser Weise hinsetzen,und ernsthaft und in wechselseitiger Wertschätzung die unterschiedlichen Ansätze und Perspektiven diskutieren. Dadurch könnten für beide Richtungen neues Wachstum und Weisheit, vielleicht sogar Erleuchtung entstehen.

WL: Was wir uns alle wünschen. Herzlichen Dank und bis zum nächsten Mal!

 


[ MILTON ERICKSON INSTITUT BERLIN ]